Buchrezension der Neuauflage „Argumentieren unter Stress” – 20. Auflage

Albert Thiele: Argumentieren unter Stress.
Wie man unfaire Angriffe erfolgreich abwehrt
DTV, München 2024, 20. überarbeitete und aktualisierte Auflage
ISBN 978-3-423-34827-0, 288 S., 14,00 €
Wer sich für Rhetorik in Stresssituationen interessiert, der kommt an diesem Leitfaden des bekannten Managementtrainers Dr. Albert Thiele seit Langem nicht vorbei. Es ist zugleich Sachbuch, Ratgeber, Trainingsbuch in einem.
Wenn ein Bestseller oder Longseller in seiner 20. Auflage erscheint, ist das einerseits Zeichen von erfolgreicher Einschlägigkeit und andererseits eigentlich kein Anlass, um so ein Fachbuch zu rezensieren. Schon gar nicht, wenn man, wie der Rezensent, dieses Buch zuvor schon das ein und andere Mal öffentlich gewürdigt hat.
Es gibt aber Publikationen, wo es sich dennoch lohnt, die Leserin und den Leser auf aktualisierte und wirklich bearbeitete Neuauflagen hinzuweisen, selbst wenn man frühere Lektüren eigentlich voraussetzen kann. Und bei Albert Thieles Klassiker „Argumentieren unter Stress“ darf man bei einem Fachpublikum getrost frühere Lektüren voraussetzen. Denn wer sich für Rhetorik in Stresssituationen interessiert, der kommt an diesem Leitfaden des bekannten Managementtrainers Dr. Albert Thiele seit Langem nicht vorbei. Es ist zugleich Sachbuch, Ratgeber, Trainingsbuch in einem.
Die bewährte Struktur des Buches ist in der hier anzuzeigenden Neubearbeitung unverändert.
Teil 1 bringt die Grundlagen einer erfolgreichen Stressrhetorik, u. a. mit dem Behandeln mentaler Stärke und Resilienz, selbstbewusstem Auftritt mit Autorität, und dann den wichtigsten Techniken wie Schlagfertigkeitskompetenz, Einwandbehandlung und die verschiedenen Formate der 5-Satz-Rhetorik.
Teil 2 zeigt dem Leser, wie er rhetorische Skills in schwierigen Gesprächssituationen einsetzt (z. B. Kritikgespräch, komplizierte Verhandlungen).
Teil 3 ist der im Wesentlichen unveränderte Trainingsteil mit bewährten Übungen incl. Lösungsvorschlägen.
Aber was ist das Neue an dem Buch? Im Wesentlichen sind fünf innovative Ergänzungen augenfällig und der nachstehenden Ausführung wert.
- Thiele hat dem 288-seitigen Paperback ein neues Kapitel 15 (von insgesamt 17 incl. Trainingsteil) eingefügt. Hier geht er auf die Macht des rednerischen Storytellings ein. Dabei bringt er eine Reihe interessanter Vorschläge, wie sich solche Themen aus einem Unternehmensumfeld lebendig fruchtbar machen lassen könnten. Eine interessante Fortschreibung, die gerade im Vergleich zu früheren Auflagen auffällt. In der Vergangenheit ließ sich sicher stärker mit Mitteln der logischen Beweisführung, mit Daten, Zahlen, Fakten und Verweis auf Experten punkten. Heute gilt es, noch stärker die Bilderwelt und Emotionalität einer medialisierten Gesellschaft einzufangen. Geschichten sind in diesem Zusammenhang in besonderer Weise wirkmächtig.
- Dies unterstreichen die jüngeren Forschungen der Neurowissenschaften und der Psychologie. Daher passt es, dass der Autor in seiner Neuauflage wiederholt auf die Forschungen Daniel Kahnemans zurückgreift, vor allem auf die Unterscheidung von System 1 und System 2, von Autopilot und Pilot, von schnellem und langsamem Denken. Thiele schlägt beispielsweise vor, gerade die verlangsamte Reaktion in Selbstreflexion und Training der Einwandbehandlung stärker zum Tragen kommen zu lassen.
- Und weiterhin geht die Neuauflage des Standardwerkes verstärkt auf die seit der Pandemie allerorten stark zugenommene digitale Kommunikation ein. Der Leser begreift beispielweise, dass Signale von Macht, Dominanz oder gar Einschüchterung in Videoformaten sehr viel weniger wirken. Eine clevere Leserin, die als jüngere und noch unerfahrene Mitarbeiterin im Angestelltenverhältnis tätig ist, deren Persönlichkeitszüge vielleicht eher introvertiert ausfallen, könnte sich eine solche Erkenntnis gezielt zunutze machen. Vor die Wahl gestellt, ob das demnächst anstehende Gespräch mit einem sehr extrovertierten Chef in Präsenz oder an einem ihrer Homeoffice-Tage angesetzt werden sollte, kann sie sich bewusst für die digitale Variante entscheiden – in der berechtigten Annahme, dass ihr eigener Kommunikationsanteil am Gespräch wahrscheinlich viel günstiger ausfallen wird.
Oder aber nach Lektüre des Kapitels 11 müsste sich die sichere Erkenntnis einstellen, ein formelles Kritikgespräch, das in der digitalen Variante eigentlich schon deshalb ein No-Go ist, weil man ja kaum die körpersprachlichen Signale wahrnehmen und deuten kann. Beachtlich in dieser Beziehung zusätzlich die Hinweise in Kapitel 12, das die Defizite beim Verhandeln in einer digitalen Variante markant aufzeigt:
„… der emotionale Kontakt zu meinem Gegenüber ist eingeschränkt; es fehlt unmittelbares Feedback im Gespräch, was leicht zu Missverständnissen führt; die Stimme hat eine größere, die Körpersprache eine geringere Wirkung als im technikfreien Gespräch; es ist schwieriger, Vertrauen und ‚virtuelle Nähe‘ aufzubauen“ (S. 174).
4. Kapitel 10 thematisierte schon in früheren Auflagen gekonnt die schwierigen Bedingungen in Gespräch und Besprechungen. Jetzt geht Thiele zusätzlich gezielt auf die Meeting-Regeln der
digitalen Variante ein und ermuntert die Moderatoren dieser Formate zu gezielten Interventionstechniken, wie u. a. der direkten Ansprache eher stiller Teilnehmerinnen und Teilnehmer oder aber
der konsequenten Unterbrechung hyperdominanter Vielredner.
5. Und nicht zuletzt bezieht der Autor neue Überlegungen ein, wie KI für eine gute Rhetorik ausgeschöpft werden könnte. So macht er beispielsweise Vorschläge für den Einsatz von ChatGPT & Co.
in der Vorbereitungsphase einer Rede, eines Statements. Für die Vorbereitung von Präsentationen (Kap. 14) hat er beispielsweise zehn Prompts konkret ausformuliert, die der Leser leicht 1:1 auf
die eigene Vorbereitung übertragen und dort einsetzen kann (S. 239–240).
Wiederholung beim Lernen und beim Training hilft eigentlich immer. Die genannten Neuerungen führen aber in jedem Fall dazu, dass selbst die Leserin oder der Leser, die/der mit Thieles Buch schon früher gearbeitet hat, diese Lektüre nicht einfach als ein routiniertes weiteres Mal empfinden dürfte. Die erweiterte Neuauflage des Klassikers sichert beides: sinnvolles Training von Bekanntem einerseits und das Überdenken von Bewährtem beim Einlassen auf neue (virtuelle) Dialogformate andererseits.
Prof. Dr. Markus Kiefer
Quelle:
Kiefer, M.: Rezension der Publikation von Thiele, A.: „Argumentieren unter Stress. Wie man unfaire Angriffe erfolgreich abwehrt“.
In: Laske, S. / Orthey, A. / Schmid, M. (Hrsg.): PersonalEntwickeln, Beitrag Nr. 11.24, Aktualisierungslieferung Nr. 315, Köln 2025.
Hier die DTV-Neuauflage bei Amazon bestellen
Das Hardcover beim Verlag FAZBUCH bestellen